
Es geht nichts über einen guten Espresso?
In Italien ist der Kaffee an erster Stelle. Ohne Koffein geht gar nichts. Eine legale Droge in der Leistungsgesellschaft.
Ja, bis vor einem Jahr drehte sich bei mir auch noch alles um einen guten Kaffee. Ich hatte einen Röster bei mir in Graz ausfindig gemacht, der erstklassige Espressobohnen liefern kann, hatte mir eine Espressomaschine zugelegt, experimentierte mit dem zu verwendenden Wasser. Auch das Porzellan durfte nicht zu kurz kommen. Ich trank besonders gerne aus farbigen Espressotassen, die ich im Bialetti-Shop in Italien erstanden hatte. Die italienische Espresso-Philosophie inspirierte mich. Am Weg nach Italien zählte der erste italienische Espresso, der beim Überqueren der Landesgrenze genossen werden konnte. Das schwarze Gold gehörte für mich ebenso zum italienischen Lifestyle wie italienische Mode, das Essen und die Aperitif-Zeit. Das alles war genau das, was einen Italien-Urlaub für mich ausmachte.

Koffeinlos – das kann nicht sein
Heute – nur ein Jahr später – hat sich vieles verändert. Ich habe meinen Koffeinkonsum stark eingeschränkt. Kaffee wird nur mehr in Ausnahmefällen genossen. Ich zwinge mich nicht dazu. Es hat sich so ergeben, da ich spüre, dass der Espressokonsum mir einfach nicht guttut. Von Filterkaffee ganz zu schweigen. Dieses Jahr in Italien wird mir bewusst, wie vollgepumpt das Land mit Koffein ist. Es gibt keine Alternative, denn auch der Tee wird in den Varianten Englisch Breakfast, Early Grey oder Té verde, also Grüntee angeboten. In Ausnahmefällen findet man entkoffeinierten Schwarztee „Deteinato“ wie die Italiener sagen. Bestellt man Tee, dann wird zur Sicherheit nachgefragt, ob er wirklich „caldo“, also warm sein soll. All das ist mir nie aufgefallen. Ich bin überrascht, dass es in Italien so schwer ist einen Kräutertee zu bekommen. So verschiebt sich im Laufe eines Lebens gewisse Parameter. Wenn man plötzlich zu hinterfragen beginnt, warum man was konsumiert, wird das Eis sehr dünn. Bei mir war es generell so, dass vieles aus alten Mustern und Gewohnheiten sowie Genussdenken konsumiert wurde und nicht weil mein Körper es verlangt oder es zu meiner Gesundheit beigetragen hätte. Unsere Wahrnehmung ist hier stark verzerrt worden. Es ist die Entscheidung von jedem Einzelnen dies zu ändern oder eben nicht. Ebenso spannend ist der Weizenmehlkonsum in Italien. Brioche, Pane & Co werden zu 90 Prozent aus Weizenmehl hergestellt. Die Italiener konsumieren. Da Weizenmehl müde macht, brauchen sie den einen oder anderen Espresso mehr. Eine Endlosschleife. Kein Wunder, dass sie abends ausgepowert im Fitnessstudio am Laufband stehen, hypnotisiert mit den Kindern zu Abend essen oder alkoholisiert die Nächte in den pulsierenden Städten oder an den Touristenorten am Meer verbringen. Ich möchte an dieser Stelle noch mal klarstellen, dass es hier um keine Bewertung oder Verurteilung geht, sondern lediglich um eine Feststellung. Auch mir ist dieser Lebensstil wohlbekannt und ich habe ihn für eine bestimmte Zeit favorisiert. Gerade eben habe ich mir einen English Breakfast Tee an der Raststation bei Venezia geholt, was mich auch zum Schreiben des Textes animiert hat. Übrigens: Als ich die Kellnerin oder Barfrau nach einem „Deteinto“ gefragt habe, bekam ich ein mildes Lächeln geschenkt und ein „credo di no“. Sie hat dann auch nicht mehr in ihrer Teeschale nach Alternativen gesucht. Der Fall war erledigt.
Als Kinder sangen wir in der Schule C A F F E E trink nicht zuviel Kaffee. Nichts für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht uns blas und krank, sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann. Das „Muselmannsein“ ist heute wohl zur Regel geworden. Die Rädchen drehen sich. Die Uhr wird zur Schlange. Genau das macht Koffein. Es gaukelt uns vor, dass wir Arbeiten schneller und besser erledigen können. Allerdings hat Schnelligkeit im Außen nichts mit einer werthaltigen Arbeitsleistung zu tun. Ein Trugschluss, welche die moderne Leistungsgesellschaft gerne anbringen möchte. Wir stehen am Förderband und lassen uns quasi mit dem, was die Gesellschaft oder Industrie vorgibt, vollstopfen. Wir fahren einfach mit, weil es alle tun und wir nicht erkannt haben, dass wir jederzeit vom Förderband runtersteigen können und sogar eine Abkürzung nehmen können, ja diesem Wahnsinn entfliehen können und schneller an ein Ziel bzw. zu einer gesteigerten Lebensqualität gelangen. Wir treten raus aus der Produktionshalle und hinein in die Natur, die plötzlich da ist. Alles ist grün, alles blüht, alles ist klar. Die Natur heilt und macht uns auf das aufmerksam, was wir gerade am meisten brauchen. Diesen Impulsen gilt es zu folgen, um aus dem Hamsterrad oder dem Förderband des Systemlebens Abstand nehmen zu können. Der Genuss lenkt uns ab und verschweigt uns im ersten Moment den Preis. Wir bezahlen ihn, aber kehren alles lieber unter den Tisch. So hätten die Segafreddo und Illy-Riesen gerne den Apfel im bekannten Spruch „One apple a day keeps one doctor away“ gegen „Un espresso“ getauscht. Der Glaube hat ihnen geholfen. Zumindest eine Zeit lang. Ich gehe über einen braunen Acker. Die Erde ist bereit für die Saat und die kommende Saison bestellt. Der Samen ist in der Erde gesetzt. Aus den Bewässerungsanlagen kommt schwarzes Kaffeewasser. Ob die Ernte ertragreich sein wird? Heute müssen wir ja nichts mehr anbauen, wir importieren lieber aus Spanien, Marokko oder Ägypten. Wer möchte sich noch die Arbeit antun und selbst seine Äcker bestellen, wo doch der Supermarkt alles gibt, was man zum Leben braucht? Ganz egal, wie ihr eure Entscheidung fällt. Wählt weise und denkt an euch, denn ihr seid der Samen, der diese Welt zum Strahlen bringen kann.
